Weißbierpils – eine Metapher für Innovation

Was ist Innovation? … und WIE können wir Innovation in unseren Organisationen noch besser voranbringen?
Als ich kürzlich in Bayern unterwegs war, stieß ich auf ein wunderbar einfaches Beispiel dafür, was eine Innovation ausmacht und was es braucht, um etwas noch nie Dagewesenes zu schaffen.

Ich hatte geschäftlich in Norddeutschland zu tun gehabt und befand mich auf der Rückfahrt nach München, als ich in dem Städtchen Amerdingen an einem einladenden, schlichten Gasthof Halt machte, um etwas zu Abend zu essen. Es war frühherbstlich warm, so dass man noch draußen auf der Terrasse sitzen konnte. Der Garten drum herum war liebevoll gepflegt und an den Holztischen saßen zahlreiche Übernachtungsgäste und genossen den lauen Abend. Aber es war nicht nur das idyllische Ambiente, das meine Aufmerksamkeit weckte, sondern die Speisekarte, auf der etwas ganz Unerwartetes stand. Neben den üblichen Biersorten, die man in Bayern auf jeder Karte findet, fand sich eine mir gänzlich unbekannte: Eine Mischung aus Hefeweizenbier und Pilsener − zwei Biersorten, die üblicherweise nicht viel miteinander zu tun haben.

Weizenbier (oder Weißbier, wie man hier sagt) gibt es in Bayern seit 1548. Die bayrischen Landesherren sicherten sich das Braumonopol und damit eine sichere Einnahmequelle, die bis 1798 sprudelte, als das Recht des Weißbierbrauens schließlich an jedermann abgegeben wurde. Das Pilsener (oder Pils) wurde in der tschechischen Stadt Plzeň 1842 zum ersten Mal gebraut. Es hat einen höheren Alkoholgehalt und enthält mehr Hopfen als Weizenbier, was ihm seinen typisch herben Geschmack verleiht. Das Pilsener wird in nahezu ganz Deutschland getrunken − insbesondere im Norden − ist aber im süddeutschen Raum nicht ganz so populär.

Nun, der Gasthof in Amerdingen bot eine neue Bierspezialität mit dem Namen „Weipi“ an − eine Mischung aus Weißbier und Pils. Aus der Speisekarte ging hervor, dass ebendieser Gasthof das Bier als Erster auf den Markt gebracht hatte. Ich war neugierig geworden und bestellte mir ein Weipi − und war höchst angenehm überrascht. Laut dem „German Beer Institute“ verbindet das Bier das Beste aus zwei Welten − die würzig-fruchtige Note des Weißbiers mit dem kräftigen, dominant-hopfigen Pilsgeschmack.


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Dieses faszinierende Getränk ist eine simple Metapher für Innovation. In seinem Buch „The Nature of Technology“ betont der preisgekrönte Wirtschaftswissenschaftler Brian Arthur die scheinbar intuitive Tatsache, dass die überwiegende Mehrheit der Innovationen aus der Kombination bereits vorhandener Technologien entsteht (die andere Quelle für Innovationen ergibt sich aus der Entdeckung neuer Naturgesetze; Arthur spricht dann von einer wahrhaft grundlegenden Innovation). Da nur die wenigsten von uns das Glück haben, ein bisher unbekanntes Naturgesetz zu entdecken, ist die Verknüpfung bereits existierender Technologien für uns vermutlich der sicherste Weg zu einer Innovation.

Das Weipi verkörpert dieses Prinzip auf simple und elegante Weise: Aus der Kombination von zwei schon vorhandenen Biersorten entstand ein völlig neuartiges Brauprodukt. Ein weiteres Beispiel für dieses Konzept ist das iPhone von Apple. Alle benötigten Komponenten gab es schon vorher in irgendeiner Form − berührungsempfindlicher Bildschirm, Anwendungssoftware, kratzfestes Glas etc. Die Genialität von Apple bestand darin zu erkennen, welche Möglichkeiten sich aus der Kombination all dieser bereits vorhandenen Komponenten ergaben. Als ich bei Sony in der Führungsentwicklung tätig war, erzählten mir die Manager, dass ihrem Unternehmen genau die gleichen Elemente zur Verfügung gestanden hatten, d.h. sie hätten als Vorreiter ein ähnliches Produkt wie das iPhone entwickeln können − waren aber nicht fähig gewesen, die möglichen Kombinationen zu erkennen.

Ensemble Enablers unterstützt seine Klienten dabei, Innovationen voranzutreiben: Wir schaffen optimale Bedingungen für einen systemischen Dialog, konzipiert für eine große Menge von Menschen, in die darin ihre einzigartigen Sichtweisen in Bezug auf ein bestimmtes Thema oder Problem zur Sprache bringen und austauschen können. Diese Form von Interaktion stärkt und erweitert die Fähigkeit einer Organisation, das Potenzial neuer Kombinationen zu erkennen, die zu zukunftsweisenden Produkten führen und/oder Prozessen zum entscheidenden Durchbruch verhelfen können.

Ein weiterer Aspekt von Innovation, den der Werdegang von Weipi veranschaulicht, ist der Stellenwert von Führung. Eine neue Kombination zu realisieren erfordert eine Vision, einen unerschütterlichen Glauben an die Sache − und viel Durchhaltevermögen. Der unbesungene Vorkämpfer von Weipi ist der Braumeister Hubert Brandl aus Pfaffenhofen an der Ilm, der mehrere Jahre viel Kraft und Zeit investierte, bis er es schaffte, die Vorzüge von Weißbier und Pilsener in einem einzigen Brauvorgang zu vereinen. Kein einfaches Unterfangen, da Weizenbier zur Vergärung obergärige Hefe benötigt, während Pilsener mit untergäriger Hefe gebraut wird. Auch das endgültige Mischungsverhältnis − 53 % Weißbier und 47 % Pilsener − musste erst mühsam gefunden werden. Aber Brandl glaubte unbeirrt daran, dass sich seine Anstrengungen lohnen würden, obwohl er dabei wahrscheinlich vielerlei Kritik oder gar Gespött ausgesetzt war.

Das Weipi ist in Deutschland bis heute als Produktinnovation anerkannt. Außer in Amerdingen wird diese innovative Bierspezialität inzwischen von 12 anderen mittelständischen Brauereien in Lizenz vermarktet.

Prost!

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