Führen in Netzwerken - Ein neuer Denkansatz für das digitale Zeitalter

Die Welt als Netzwerk

Unsere Welt ist nach dem Prinzip von Netzwerken organisiert. Wo wir auch hinschauen – überall lassen sich Netzwerke entdecken.

Die im frühen 20. Jahrhundert neu aufgekommene Wissenschaft der Ökologie erkannte, dass Arten durch ihre Nahrungsbeziehungen (auch als Nahrungsketten bezeichnet) untereinander verbunden sind. Es wurde dann erkannt, dass diese Verbindungen integrale Bestandteile eines Nahrungsnetzes sind, das alle Arten in einem Ökosystem miteinander verknüpft. Dieses Nahrungsnetz fungiert als eine Art natürliche "Kreislaufwirtschaft", in der sogar die Abfälle einer Spezies als Nahrungsquelle für eine andere Spezies dienen.

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Mit dem Fortschritt der Neurowissenschaften offenbarte sich die Allgegenwart von Netzwerken – und deren schiere Macht. Ein durchschnittliches menschliches Gehirn enthält rund 100 Milliarden Nervenzellen, die in einem riesigen Netzwerk von 1 Billion (!) Verbindungsstellen, den sogenannten Synapsen, miteinander verknüpft sind. Die Muster dieser Zusammenschaltungen, die unsere Sinneswahrnehmungen, unser Gedächtnis, unser Wissen und unser Bewusstsein hervorbringen. Alles, was wir fühlen, schmecken, sehen und wissen ergibt sich aus der Kraft von Netzwerken und ihren Verknüpfungen.

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Ebenso werden heute auch die grundlegenden Zellen als Netzwerke von Molekülen verstanden. Diesem Konzept entsprang die Wissenschaft der Netzwerkbiologie. Selbst Atome betrachtet man als Netzwerke von Energie.

Ein neuer Denkansatz zur Rolle der Führung in Unternehmen ist unerlässlich

Wenn unsere natürliche Welt nach dem Netzwerkprinzip organisiert ist, liegt es nahe, auch unsere Unternehmen als Netzwerke wahrzunehmen. Diese Netzwerkrealität zu erkennen hat erhebliche Auswirkungen auf unser Verständnis der Rolle von Führung in Unternehmen. Darüber hinaus erfordert es eine neue Denkweise.

Die derzeit vorherrschende Metapher für Unternehmen ist die einer "gut geölten Maschine". Dieses Paradigma geht davon aus, dass die Rolle der Führung darin besteht zu gewährleisten, dass alle Teile der Maschine richtig funktionieren. 

Was wird mit diesem Ansatz erreicht? Das Endziel ist es, aus dem gesamten Prozess die maximale Leistung herauszuholen.

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Inwiefern könnte eine Veränderung dieser Metapher einen Unterschied in unserem Verständnis von Führung bewirken? Lassen Sie uns hierzu ein Gedankenexperiment durchführen, indem wir zunächst folgende Frage stellen:

Was passiert, wenn eine Komponente innerhalb eines Unternehmens nicht so effektiv arbeitet wie sie sollte? 

Aus Sicht der Maschinen-Metapher liegt der Fokus ausschließlich auf dem nicht funktionierenden Teil: Es wird analysiert und dann versucht man es zu reparieren. Falls der Mangel nicht behoben werden kann, wird das Teil einfach entfernt und ersetzt. Der Erfolg jeder Intervention hängt von den Bemühungen der Führungskraft ab, die außerhalb der eigentlichen Maschine stattfinden.

Was aber wäre, wenn wir ein Unternehmen nicht als Maschine, sondern als ein lebendiges Netzwerk betrachten?  Dann wäre die Behandlung eines bestimmten leistungsschwachen Elements eines Unternehmens vergleichbar mit der Behandlung eines schlecht funktionierenden Organs − z. B. einer Leber. Um ein Verständnis für eine geschädigte Leber zu entwickeln, ist es aber entscheidend, nicht nur die Einzelkomponente − die Funktion der Leber – zu betrachten, sondern den gesamten Organismus, der letztlich die Gesamtgesundheit eines Individuums bestimmt. Ist die leistungsschwache Leber das Ergebnis von Alkoholmissbrauch, Fettleibigkeit oder einer anderen Ursache? Dieser Denkansatz würde bedeuten, dass die Lösung auf der Ebene des Organismus und nicht eines einzelnen Organs erfolgen sollte. Vor dem Hintergrund eines lebendigen Systems führt das Bestreben, nur das schadhafte Organ zu reparieren dazu, dass letztlich nur die Symptome, nicht aber die Ursache bekämpft wird.

Wenn alles scheitert, könnte eine Organtransplantation in Betracht gezogen werden. Das ist jedoch ein hochkomplexes Unterfangen, das letztlich davon abhängt, ob der Körper das Transplantat annimmt (oder nicht). Das Ersatzteil (d. h. das Organ) mag voll funktionsfähig sein, aber wenn es abgestoßen wird, bleibt das Problem bestehen.

Im Gegensatz zu einer externen Reparatur, wie sie die Maschinen-Metapher impliziert, ist es bei einem lebendigen Netzwerk so, dass „die wahre Veränderung von innen kommt". Das heißt, der Erfolg einer Maßnahme ist abhängig von einer Verhaltensänderung und/oder einer Reaktion aus dem Inneren des Unternehmens selbst. 

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GESUNDHEIT als neues Führungsparadigma für die Post-Covid-Welt

Zuallererst stellt sich die Frage: Was ist der Zweck von Führung?

Wie oben erwähnt, versteht die Maschinen-Metapher unter „Führung“ jene Personen, die dafür Sorge tragen, dass die Maschine optimal läuft. Darüber hinaus impliziert sie externe Bediener, die diese "gut geölte" Maschine warten und am Laufen halten.

Im Gegensatz dazu funktioniert ein Netzwerk von selbst, d. h. von innen heraus. Eines der Markenzeichen des Lebens ist seine Fähigkeit, sich selbst zu erhalten. Weder Bakterien noch Katzen brauchen einen "externen Bediener", um erfolgreich am Leben zu bleiben.

In Anbetracht der Metapher eines lebendigen Netzwerks muss sich die Rolle der Führung in einem solchen Netzwerk vom "Betreiben der Maschine" verschieben in Richtung Sicherstellung der optimalen Gesundheit des Unternehmens. 

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Was könnte diese gesundheitsorientierte Metapher für unser heutiges Verständnis von Führung bedeuten?

Nun, anstatt sich nur auf die Komponenten (d. h. die einzelnen Maschinenteile) zu konzentrieren, liegt in einem lebendigen Netzwerk der Blick auf dem Ganzen. Aus gesundheitlicher Sicht ist der Fluss der Nährstoffe durch den gesamten Körper wichtiger als das Funktionieren der einzelnen Organe. 

Was bedeutet diese Perspektive für die Betrachtung eines Unternehmens? Es ist der Fluss von Informationen und Energie über die verschiedenen Knotenpunkte seines Netzwerks, der die Gesundheit eines Unternehmens kennzeichnet.

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Die verheerende Wirkung von Silos in Unternehmen lässt besonders deutlich erkennen, wie wichtig es ist, die organisationale Gesundheit zu fördern. Wenn die verschiedenen Teile eines Unternehmens nicht effektiv miteinander kommunizieren, wird seine Funktionsfähigkeit als Gesamtorganisation erheblich beeinträchtigt. Mangelndes Vertrauen ist ein Anzeichen dafür, dass Einzelne ihr Wissen zurückhalten und/oder nicht bereit sind, einen Beitrag zu leisten. Diese fatale Einstellung führt unweigerlich dazu, dass ein Unternehmen nicht mehr seine optimale Leistung erbringen kann. Dies unterstreicht die wichtige Bedeutung von Vertrauen als das ultimative Maß für die Gesundheit eines Unternehmens.

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Bei der Maschinen-Metapher besteht das Ziel der Führung darin die Kapazität kontinuierlich zu steigern und den Output zu maximieren. Mehr ist immer besser. Auch lebendige Netzwerke durchlaufen zweifelsohne eine Wachstumsphase. Ihr wesentlich kennzeichnendes Merkmal ist jedoch die Reifung.

Was bedeutet das Konzept der Reifung für Unternehmen? Die Art und Weise, wie sich ein Unternehmen an seine Umwelt anpasst, ist entscheidend für seine Fähigkeit, gesund zu bleiben. Diese Anpassung (oder Reifung) entwickelt sich durch Lernen.

In dem neuen Paradigma der lebendigen Netzwerke wird das maschinenfixierte Ziel „Wachstum um jeden Preis“ ersetzt durch das Ziel "Reife erlangen". Aus fortwährenden Lernprozessen ergibt sich ein ausgewogenes Gleichgewicht von Wachstum und Anpassung.

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Im Zentrum optimaler Gesundheit steht Qualität, nicht Quantität.

Worin besteht Führung?

Wenn Führungskräfte das neue Paradigma der lebendigen Netzwerke übernehmen, konzentrieren sie sich auf die Verknüpfungen und die Ströme, die zwischen ihnen fließen. Diese Schaltstellen und Flüsse bestehen sowohl aus Energie, als auch aus Informationen. Die Gesundheit eines Systems (d. h. eines Unternehmens) steht in direktem Zusammenhang mit der Stabilität seiner internen Verbindungen. Geistige Gesundheit hat zweifellos eine physisch-chemische Komponente, aber die Wissenschaft hat herausgefunden, dass oft auch eine soziale Komponente von entscheidender Bedeutung ist. Einsamkeit und das Fehlen sinnvoller sozialer Beziehungen spielen häufig eine wichtige Rolle bei der Entwicklung von Angstzuständen und Depressionen. Ein wirksames Gegenmittel gegen Depressionen ist die Förderung starker zwischenmenschlicher Beziehungen.

Was bedeutet das für Führungskräfte?  Nun, sie müssen sich auf Beziehungen konzentrieren und diese Beziehungen sowohl innerhalb als auch außerhalb ihres Unternehmens pflegen. Menschen miteinander zu verbinden ist zweifellos eine der wertvollsten Führungsaktivitäten.

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Essenz und Inspiration von Innovation bestehen darin zu erkennen, inwiefern bestimmte Kombinationen bereits vorhandener Technologien zu Durchbrüchen führen können. Einer der Gründe, warum digitale Technologien so disruptiv sind liegt darin, dass neuartige Kombinationen von Software, Sensoren, Plattformen usw. neue Möglichkeiten für ihre Nutzung schaffen. Um sich erfolgreich an die laufende digitale Revolution anzupassen, müssen sich Führungskräfte auf jene Verknüpfungen konzentrieren, die Innovation auf dem Markt vorantreiben.

Sich nur auf die schiere Anzahl von Verknüpfungen zu konzentrieren reicht jedoch nicht aus. Es ist die Qualität dieser Verknüpfungen, die letztendlich ihren Gesamtwert bestimmt. Was durch diese Schaltstellen fließt – darin liegt der unvorhergesehene Wert. Die Plattform von Airbnb verbindet Immobilienbesitzer mit Reisenden, die eine Übernachtungsmöglichkeit suchen. Obwohl Airbnb selbst keine Wohnungen besitzt, besitzt es die Schaltstellen und Informationsströme – und diese machen Airbnb wertvoller als die meisten etablierten Hotelketten. Wohnungsbesitzer und Reisende strömen in Scharen zur Airbnb-Plattform, weil sie hochqualitative Verknüpfungsmöglichkeiten bietet − gemessen an Benutzerfreundlichkeit, Komfort und Zuverlässigkeit.

Darüber hinaus ist auch die Rolle der Energieflüsse nicht zu unterschätzen. Energie untermauern die Qualität von Verknüpfungen. In einem organisationalen Umfeld wird Energie sichtbar gemacht durch die Motivation der Mitarbeiter und ihre Bereitschaft, die berühmte Extra-Meile zu gehen, um Dinge zu erledigen. In einem Umfeld, das von Vertrauen geprägt ist und von Sinnhaftigkeit gespeist wird, verstärkt sich der Energiefluss im menschlichen Miteinander. Menschen, die den Sinn und Zweck ihrer Arbeit verstehen und wissen, inwiefern sie zu einem sinnvollen Ergebnis beiträgt, sind beflügelt von Motivation und voller Tatkraft.

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Wo ist die Führung gefordert? 

Nach dem Maschinen-Paradigma agieren Führungskräfte praktisch gesehen immer „extern“. Daher ist es nicht verwunderlich, dass Führung traditionell vor allem an der Spitze eines Unternehmens verortet wird. Aus der Vogelperspektive eines Adlers können Führungskräfte mit objektivem Blick auf ihre Maschine herabschauen und sachlich herausfinden, wie man sie optimieren kann.

Betrachtet man ein Unternehmen hingegen als ein lebendiges Netzwerk, hat dies für Führungskräfte deutliche Konsequenzen. Zunächst einmal gibt es in einem lebendigen Netzwerk normalerweise kein eindeutiges „Oben“ und „Unten“. In einem solchen gleichermaßen organischen System gibt es nur Netzwerke, die in anderen Netzwerken eingebettet sind. Erfahrene Manager wissen nur zu gut, wie vergeblich es sein kann, Aufgaben allein durch das Befolgen einer hierarchischen Befehlskette im Rahmen eines Organigramms zu bewältigen. Um Dinge zu erledigen verlassen sie sich oft auf eine ausgewogene Mischung von Autorität und informellen Netzwerken. Gestandene Führungskräfte wissen intuitiv, dass die Macht nicht unbedingt immer „ganz oben“ an gesiedelt ist.

Aber wo liegt eigentlich die Macht der Netzwerke? 

Nun, sie ist in jenen Bereichen eines Unternehmens zu finden, wo die Qualität (und auch Quantität) von Verknüpfungen am höchsten ist. Ein negatives Beispiel, das in direktem Zusammenhang mit der Covid-19-Pandemie steht, liefert ein sehr anschauliches Beispiel für die Macht von Verknüpfungen: Superspreader-Ereignisse finden an Knotenpunkten (Hubs) statt, welche die Ausbreitung des Virus in der gesamten Gesellschaft massiv beschleunigen. Analog können sich von Hubs innerhalb eines Unternehmens Informationen und materielle Ressourcen rasch in der gesamten Organisation verbreiten – hier im positiven Sinne. Solche Power-Hubs können überall im Unternehmen angesiedelt sein, nicht nur an der Spitze. Sie erfordern Führung − und bedürfen einer kontinuierlichen Entwicklung dieser Führung.

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Führungskräfte müssen herausfinden, wo sich diese Schaltstellen in ihrem eigenen Unternehmen befinden. Das neue Paradigma eines Unternehmens als lebendiges System stellt für Führungskräfte eine neue Herausforderung dar: Sie müssen lernen, den Informations- und Energiefluss in ihrem Unternehmen zu kartieren − nicht zu messen. Die neue Wissenschaft der organisationalen Netzwerkanalyse (ONA) bildet nicht nur die Knotenpunkte in einem Unternehmen ab, sondern auch die Merkmale der dadurch geschaffenen Verbindungen.


Führung im digitalen Zeitalter

Netzwerke hat es schon immer gegeben. Das aufkommende digitale Zeitalter hat unser Bewusstsein für die Allgegenwärtigkeit von Netzwerken in unserer Welt geschärft. Die Herausforderungen der Corona-Pandemie haben wichtige Fragen über die Notwendigkeit eines Wandels in der Führungspraxis aufgeworfen. Dieses Umdenken ist zweifellos das Ergebnis der beschleunigten digitalen Transformation und ihrer Auswirkungen auf unser Arbeitsleben während der Corona-Pandemie. Die Rolle von Netzwerken ist für uns alle mehr denn je spürbar geworden.

Ein Grund mehr, sich mit dem Gedanken anzufreunden, dass das Paradigma der "gut geölten Maschine" ausgedient hat. Damit sich Führung weiterentwickeln kann, brauchen wir ein neues Denken und aktualisierte Metaphern, die auf die Bedürfnisse des digitalen Zeitalters abgestimmt sind.

Ensemble Enabler hat einen Ansatz für die Entwicklung von Führungskräften entwickelt, der sich der Führungsherausforderung in unserem digitalen Zeitalter stellt. Eine Reihe von Dienstleistungen ermöglicht Unternehmen den Übergang in diese neue Welt der Führung.

Learning-Centered Leadership DevelopmentLernen, Verknüpfen, Lehren und Moderieren bilden die Grundlage von Ensemble Enablers neuem Leadership-Paradigma. Dieser zukunftsweisende Führungsansatz basiert auf der Metapher des "lebendigen Netzwerks" als Rahmen für einen transformativen Prozess zur effektiven Entwicklung von Führungskräften.

Leadership Sprints – Förderung der Führungsentwicklung in Echtzeit im Rahmen tatsächlicher Projektarbeit an den bestehenden Kraftzentren von Unternehmen und ihren unmittelbaren Netzwerken.

Network Leadership Mentoring − Ein innovativer Ansatz zur Unterstützung der Key Leaders im gesamten Unternehmen, der es ihnen ermöglicht, ihre Wahrnehmung und ihr Verhalten zu reflektieren und zu verändern, um in der VUCA-Welt von heute ein Unternehmen effektiv zu führen.

Teamcoaching – Förderung einer optimalen Teamentwicklung durch Beobachtung, Feedback und Reflexion der Beziehungen und Verknüpfungen innerhalb bestehender Teams mit dem Ziel, die Energie und das Vertrauen innerhalb der Gruppe zu stärken.


Durch Prozesse und Instrumente wie Peer-to-Peer Lernen, Learning Journeys, Team Coaching, Leadership Sprints, Learning-Centered Leadership Development, Network Leadership Mentoring, thematische Großveranstaltungen und Pinboards (eine cloudbasierte digitale Kommunikationsplattform) unterstützt Ensemble Enabler Unternehmen dabei, neue Erkenntnisse zu gewinnen und die während ihrer Lernreise gesammelten Ideen nutzbringend umzusetzen.

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Übersetzung: Suzanne Bürger, München

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